Ist Pippi Langstrumpf eine Zen-Meisterin? - Zen und innere Freiheit

Teisho - Zen-Meister Hinnerk Polenski

 

Ist Pipi Langstrumpf eine Zen-Meisterin?

Das ist eine tiefgehende Frage. Wenn man sich Pipi Langstrumpf genauer anschaut, dann ist das Kernmotto: "Ich mach mir meine Welt, so wie sie mir gefällt". Diesen Satz finden wir in jeder guten deutschen Werbung, der irgendwelchen Frauen Jogurette, Strümpfe, Schuhe oder Kosmetik verkaufen will, "Ich mach mir meine Welt, so wie sie mir gefällt". Warum hat das wiederum auch nichts in Wirklichkeit mit Pipi Langstrumpf zu tun?

Pipi Langstrumpf ist erstmal ein Mädchen, das zutiefst in seiner Mitte ist, im wahrsten Sinne in ihrer Quelle. Außerdem verfügt sie über besondere Fähigkeiten, die man in Indien Siddhi-Kräfte nennt - sie kann zum Beispiel mit einer Hand ein Pferd hochheben. Und sie ist sehr selbstbewusst. Wenn wir uns vorstellen, wie wäre die in der Pubertät, oder wie wäre die mit 22, dann wäre das doch eine sehr interessante Frage. Die interessiert mich aber nicht so sehr. Mich interessiert Pipi Langstrumpf mit 50, nämlich: Ist sie dann eine Weisheitslehrerin, die über magische Siddhi-Kräfte verfügt, die ein Beispiel ist für Millionen Frauen und Männer, die einen Weg gehen wollen. Kucken wir uns also das Ganze noch einmal genauer an. Warum gilt für Pipi Langstrumpf der Satz, "Ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt", und für die meisten Menschen nicht?

Der tiefe Kern in diesem Satz ist der: Wir Menschen sind die Wettermacher unserer Welt, aber meistens sind wir Regenmacher. Regenmacher im Sinne, dass wir pessimistisch sind, oder die Dinge so und so richten wollen, das misslingt, und wir das als Bestätigung nehmen für irgendetwas, aber auch in dem Sinne, dass wir vielleicht uns in Dinge verstricken, die für uns dann auch ungut ausgehen. Das passiert bei Pipi Langstrumpf nur dann, wenn sie wirklich Regen haben will. Das heißt, ihr Herz ist rein und offen, und diese Mitte ist ja nichts weiter als ein Angekommen-Sein in dieser Welt. Was ist die Essenz? Die Essenz von Sinn und Weg ist Ankommen in dieser Welt; und daraus ergibt sich dann Erfüllung. Das Leben so zu leben, wie es in tiefster Essenz von Sein eine Einheit zwischen mir und allem ist. Das ist Erfüllung.

Das heißt: Mein Handeln ist unmittelbar das, was angemessen ist. Der Satz "Ich mache mir meine Welt, wie sie mir gefällt" hat zwei Teile, oder zwei Herausforderungen. Die eine Herausforderung ist: "Ich mache mir...", also "ich", "mir" und "selbst" und "mein"... Was ist dieses "ich"? Und dann "...die Welt, die mir gefällt". Was ist das für eine Welt, was ist Welt, was ist Welt und "ich"? "Ich weiß genau, was ich will". Das sind Sätze, oder "ich mache wirklich nur, was ich Lust habe", und "also da kommt mir nichts rein" und "ich geh jetzt genau da und da hin".

In unserer heutigen Zeit ist es so, dass wir an vielen Stellen an Tiefe verloren haben, wir sind uns bewusst, dass wir ein "Ich" sind, aber wir sind uns nicht bewusst, dass dieses "ich" keine feste Instanz ist, die eine eigene Wirklichkeit hat, und wir sind uns schon gar nicht bewusst, dass das, was wir für ein "Ich" halten, mit all diesen Dingen, die es will, was es fühlt, was es macht, eine Illusion ist. Der Buddha lehrt, dass die Welt und das Leben in dieser Form von Illusion immer zu Leiden führt. Wenn ich mit diesem "Ich" und der Vorstellung, und diesem gewachsenen "Ich", das hier ist bis hier, und da nicht, in eine Welt gehe, dann ist diese Welt auch eine Vorstellung; und das große Missverständnis zu dem Satz "Ich mach meine Welt, so wie sie mir gefällt" ist, dass dieses "Ich" versucht, diese Welt so zu gestalten, wie es diesem "Ich" gefällt. Und das ist die Ursache für unendliches Leid. Ob es eine Person im Kleinen macht, die dann Kindern aufoktroyieren will, wie diese Welt zu sein hat und "sie" und "wir" und alles, oder ob es ein Diktator, ein Wahnsinniger, ein König, eine Königin ist, es geht immer schief, zumindest für sehr viele Menschen, die in dieses „gefallen“ nicht reinpassen. Und so werden Wälder gerodet, Tiere erschossen, Menschen getötet.

Und hier sind wir an einer Grenze; es ist eine Grenze der Trennung zwischen dem Wesen und dem Leben, und beides haben wir nicht. Wir haben weder dieses Wesen, dieses Sein, noch das, was Wirklichkeit ist, Welt und Leben. Diese beiden Dinge sind in ihrer Authentizität notwendig, um so zu leben, wie Pipi Langstrumpf das tut, nämlich in Freiheit, Freude, Authentizität und unbegrenzten Möglichkeiten.

Solange wir das für "uns", "ich" halten, was man uns erzählt hat, was wir sind - und das fängt mit Kind, Baby, Kleinkind, Groß Kind, Schule, Kindergarten, Uni an -, solange sind wir nur in einem sozialen System, in einem kulturell bedingten, zeitabhängigen System, aber wir sind nicht "selbst", wir sind nicht Wesen.

Nun kann man sagen: "Es gibt irgend ein Wesen" und wir sagen: "so, was für ein Wesen?", und Zen gibt keine Antwort, sondern stellt nur die Frage: "Wer bist du?", "wer bist du wirklich"? Man kann alle möglichen Spekulationen anstellen, "das Wesen ist dies" und "es gibt eine Einheit mit jenem" - man kann auch nur anfangen, eine Frage zu stellen, die das in Frage stellt, was Illusion ist , und sich selber die Chance geben, anzuhalten, um zu spüren: Wer bin ich wirklich? Was ist meine wahre Quelle, was ist meine wahre Kraft? Was ist wirkliches Sein, was ist die Essenz? Was ist das hier eigentlich, dieses Leben, und schon wachsen diese beiden Dinge zusammen. Denn wenn ich in die Tiefe gehe, dieser Frage "Wer bin ich wirklich?", dann umarmt mich der Begriff Leben mehr und mehr.

Und je tiefer ich gehe - und der Weg ist Meditation, das ist der Weg des Erforschen, der Weg ist Zweifel, der Weg ist Hingabe, der Weg ist Übung, der Weg ist ausdauernde Übung - erfahre ich etwas. Und dann brauche ich von außen nichts, ich brauche nicht jemand, der mir erklärt, wie die Welt ist, die ich mir dann zu machen habe, und die ich dann auch so mache, wie es dem anderen gefällt. So dass ich dann irgendetwas diene, irgendeiner Geschichte, einer Ideologie, oder irgendeiner Geldbörse, oder nur einer Vorstellung. Sondern die Frage "Wer bin ich?" löst am Ende "Ich" auf und lässt immer mehr Raum für Leben, bis zur Frage, "Was ist das Leben selbst?", was ist das Wesen selber, was ist wirklich Sein, was ist dieser Moment, und ich komme an, ich komme in dieser Frage an, ich komme nicht mit Antworten an, ich brauche auch keine Weisheitslehrer, die Antworten geben, sondern ich selber gehe diesen Weg.

Zen ist eine sehr private Sache. Spiritualität ist eine sehr private Sache. Spiritualität ist jenseits von Religion, Ideologie und Vorstellung, vor allem unabhängig von Anderen. Sie ist einzig und allein eine tiefe Erfahrung, die aus einer Frage entsteht. Und in dieser Frage öffnet sich etwas in mir, wo Handeln und Freude und Einsicht eine Einheit sind. Ich muss dann kein Pferd hochheben; aber ich kann andere Dinge tun, von denen ich niemals geglaubt habe, dass ich sie kann, - wo ich an einen Punkt komme, wo ich niemals geglaubt habe, das ich diejenige bin, oder derjenige bin. Und dann bleibt nur noch Freude über. Es ist keine spirituelle Tatü-Tata-Freude, weil du irgendetwas machst, sondern es einfach "GEIL, ja, Leben, hier, huu, ja, hu".

Da ist Pipi Langstrumpf ein super Vorbild, denn auch in Spiritualität kommt überall trötiges Arschloch-tum rein, wo irgendjemand sagt "das darfst du nicht" , "du musst deine Bratwurst dreimal kauen, nein, die ist vegan dabei" und dies und jenes, und den linken Fuß, und dann da, und dann musst du klingeln, und du musst jenes machen und Mönche machen dies, und jenes nicht. Aber es ist erstmal: Nehmt das weg. Das kommt später zurück. Es kommt zurück, wenn ihr in diesem Glück seid in Form einer natürlichen Ethik, die kein Konzept ist. Aber erstmal geht es nur darum, das ihr diese Freiheit schafft, die man ja Pipi Langstrumpf zutiefst neidet.

Also versuchen wir auf der einen Seite, ein bisschen zu meditieren und ein bisschen Pipi Langstrumpf, aber nicht zu viel, denn es gibt wie gesagt das kleine Ego, das denkt: "Oh, jetzt mache ich all den Scheiß", und … Scheiß bauen ist Pipi Langstrumpf nicht wirklich, sondern Pipi Langstrumpf Freiheit!

Ich wünsche mir, dass Pipi Langstrumpf - wie alt wird sie heute sein, 60, 70 - eine großartige Meisterin ist, die allen Wesen dient, so wie wir es auch irgendwann versuchen. 

 

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