Meditieren lernen - Das geerdete Herz

Vortrag - Zen-Meister Hinnerk Polenski
Vortrag auf dem Daishin Rinzai Zen Ango Sesshin, Juli 2017

 

Das Tor zum Sinn und die Bestimmung unseres Lebens ist die Liebe.

Die Liebe ist das, was uns Menschen ausmacht, was uns adelt, unser Geburtsrecht, unser Geschenk. Im Laufe des Lebens entsteht ein Ich; dieses Ich, das ist Ich und will es auch bleiben. Es ist in einer kleinen abgefassten Form, die vielleicht so groß ist wie wir, wie unser Körper. In dem umgebenden Raum, mit dem es sich vernetzt, will es sich ausdehnen; darin wird die Liebe mit vielen kleinen Zetteln zugeklebt. Dennoch lässt sie sich nicht völlig zukleben. Hier und da begegnen wir einem Menschen, unser Herz öffnet sich, und es ist Aufrichtigkeit da, oder die Natur, und wir sind berührt. Auch in der Kunst, in der Musik können wir das erleben, wir hören ein Stück, vielleicht etwas Klassisches, unser Herz geht auf, wir wissen gar nicht, was los ist. Um uns herum und in uns sind tausend Dingen, die das definieren: die Liebe zum Mann, Beziehungen, mein Ehemann und meine Ehefrau muss so und so sein, Bilder und Bilder - und so stirbt es. In Plattenbauten und im Betonfußboden ist das Herz schwer zu finden; aber auch da kann man es finden.

Erwachsen werden heißt, dass das Herz zugebaut wird, so lange zugestellt wird, bis es nicht mehr zu sehen ist. In einer riesigen Rumpelkammer unseres Seins, die immer enger wird, das nennt man altern. Das muss niemand tun. Nur, weil es alle tun, ist es nicht richtig. Dann üben wir vielleicht, wir erfahren von einem spirituellen Weg, wir sind in einer Kirche und hören Mozarts Requiem, wir sind durch und durch ergriffen und gleichzeitig spüren wir, wir sind sehr offen und auch sehr ergriffen. Das macht uns empfindlich und das verunsichert uns. Dann begegnen wir der Liebe aufrichtig und tief in einem anderen Menschen, das ist eine wunderbare Liebe. Das ist wunderbar und es geht wunderbar in die Hose, wir kriegen richtig eins auf die Schnauze. Unser Herz tut weh. Es gibt nichts Schlimmeres als Liebeskummer. Dann beschäftige ich mich zunächst mit Beruf und Karriere. Jeder Situation, jedem Partner der ein bisschen ausschaut wie verliebt, gehe ich aus dem Weg und mache eine coole Nummer. Weil ich nichts mehr merke, brauche ich Schmerzen, dass ich etwas spüre, das ist schade. Es ist viel schöner, einen Schmetterling auf der Hand zu spüren. Ein böswillig gefällter Baum macht tausendmal mehr Lärm als ein wachsender Wald.

Die Liebe ist ein hohes Gut, aber sie ist schüchtern. Sie ist fein. Wie kriegen wir sie wieder zurück? Vielleicht lassen wir erst einmal die anderen Menschen außen vor und klären die Sache mit uns. Die Geisteslehrer und Weisheitslehrer des Ostens lehren, dass alles Liebe, alles Herz, alles Güte ist. Der Dalai Lama sagt: „Güte ist meine Religion.“ Nur ich und die Güte. Dazu brauche ich kein System, ich brauche auch keinen Verwalter dafür, es ist etwas Privates. Wie befreie ich diese Liebe in mir?

Im Daishin Zen besteht die Befreiung des Herzens aus zwei Teilen: Der eine ist die Erdung, und der andere ist die Öffnung des Herzens. Warum diese zwei Teile? Warum nicht gleich Meditation, dann kommt der Meister, dann eine Initiation, dann ist Licht und alles ist hell und geil. Ist das Licht aus, wir sind bei Media Markt, wo irgendeiner sagt: „Ihr seid doch nicht blöd, kauft den Fernseher.“ Alles ist ziemlich laut und lärmend. Man braucht ein dickes Fell und eine dicke Haut um diesen Wahnsinn überhaupt durchzustehen. Das normale einer Shopping Mall – jeder, der da rein geht, ist nach zwei bis drei Stunden völlig fertig mit den Nerven.

Das Herz zu öffnen ist leicht, es ist nur ein Zulassen von Sensibilität. Es ist ein Zulassen, dass wir offen sind; das macht uns sofort Angst. Ich sage jetzt einmal offen und ehrlich: zu recht. Unsere Freunde, die Menschen um uns herum, denen geht es genauso. Jeder hat sein kleines System gefunden, wie er seinen kleinen Kasten verteidigt. Die beste Methode ist, man pisst erst einmal in den Kasten des anderen, um zu zeigen, dass man ein geiler Typ ist. Wir sind in einer Welt, die überhaupt keine Kultur für Herz hat. Wir brauchen für unser Herz, für unseren Weg des Herzens ein Gefäß. Wir müssen erkennen und wir können erkennen, dass Herz diese Sensibilität ist, diese Offenheit, dieses berührt sein, dieses verletzlich sein. Das macht uns schüchtern und lässt sich nur noch in diesen kleinen Feldern öffnen: auf dem Meditationskissen, wir lesen ein Buch, wir begegnen wenigen Menschen.

Wir können durch Meditation, durch geerdetes Herz erkennen, dass Herz auch Mut ist. Wenn wir dieses Herz mit etwas verbinden. Normalerweise verbinden wir das Herz mit äußeren Objekten, einer schönen Frau - wenn ich ein Mann bin -, einer bezaubernden Frau, mit Kindern, mit Eltern, einige mit irgendwelchen Fahnen und Ideologien. Was auch immer, mit irgendetwas, mit Schokolade. Warum wollen wir dieses Herz nicht mit dem verbinden, was das Herz stark macht? Warum wollen wir das Herz nicht mit dem verbinden, was der Ursprung des Herzens ist? Was ist denn der Ursprung des Herzens? Ich? Du? wir?

Der Ursprung des Herzens ist die Erde. Die Schöpfung, die ganze Schöpfung, die ganze Erde.

Es (zeigt eine eine Blume) ist das Mächtigste was es gibt. Ihr denkt, diese kleine Blume ist das Mächtigste was es gibt??. Ich oder ihr? Nein – das sind wir nicht, wir sind nicht mächtig. Aber das Ganze hier - auch wenn wir Menschen meinen, dass wir hier Autobahnen bauen, Strom und Kabel verlegen, Daten-Autobahnen erstellen. Nur weil wir keinen Respekt haben, nur weil wir keine Ehrfurcht haben, heißt es nicht, dass das am Ende nicht doch das Größere ist. Die Erde und die Liebe sind zwei Seiten, so wie die Sonne und das Licht in den Bäumen. Die Erde ist nicht nur dieser Ball, auf dem wir hier sitzen, der sich im Weltall vor sich hin drehend in einer ziemlichen Geschwindigkeit durch das All bewegt, sondern es ist die gesamte Schöpfung. Es ist die Materie, die zu Geist strebt, der Geist der wieder zu Materie wird. Die Liebe ist die Verbindung in allem. Das ist getrennt, dieses ist getrennt, wir sind getrennt. Das ist Illusion.

Wenn die Liebe in dem kleinen getrennten System - ich bin so und so und der und der, ich fühle mich sehr berührt, ich bin sehr empfindsam – sich öffnet, bin ich auch weit - und vor allen Dingen entsteht Empathie. Ich spüre auf einmal alles, was um mich herum ist: Ich spüre den Menschen, ich spüre dich, ich spüre mich. Damit ist nicht so leicht umzugehen, wie man denkt. Wenn diese Liebe nicht dieses kleine Gefäß ist, sondern Alles, und dieses Alles nicht irgendein Geist ist, der über der Welt schwebt und abhebt, der einen Dualismus bildet zwischen der schnöden und schwierigen, komplizierten, materiellen Welt, wo ich sage: „Ich möchte was trinken, ich hab aber gerade mein Portmonee vergessen, was mache ich jetzt?“ Wenn ich diesen Dualismus erkenne, dass er gar nicht existiert, dass diese Welt alles Liebe ist: jede Pflanze, jedes Teil. Nur unser kleiner, abgeschirmter, aktiv immer wieder neuerzeugter Kasten, diese aktive Trennung ist, dann kann man auch verstehen, warum man Angst hat. Dann kann man auch verstehen, warum es einem damit nicht gut geht. Der eine reagiert mit Angst, der andere mit Hass. Wie viele Menschen reagieren auf Liebe mit Hass, mit Neid, mit Einsamkeit.

Wir tun also zwei Dinge: Das eine ist die Meditation der Erdmitte, Hara. Hara mit Körper verbunden; oder Körperbetrachtung. Der erste Schritt ist die Erdmitte, d.h. Kontakt aufnehmen. Wir haben diesen Kontakt ja gar nicht. Es denkt die Welt. Dieses Denken von Welt ist diese Welt nicht. Wir sehen dieses Sofa, ihr seht es nicht. In dem Moment wo ich hier sitze und rede gibt es eine Million Kommentare: Was ist das für ein durchgeknallter Typ? Oder was ist dies oder was ist das? Warum ist das Sofa aus Plastik? Das passt überhaupt nicht zum Buddhismus. Ist das Sofa vegan? Die ganze Zeit ist das im Gange. Was ist überhaupt los? Warum sitze ich hier? Was mache ich hier eigentlich?

Erdung ist Wahrnehmung, Wahrhaftigkeit. Die einfachste Übung um dahin zu kommen ist Hara, ist Energie in die Erdmitte lenken, die Übung von Erdmitte, das Zentrum unter dem Bauchnabel. Es gibt verschiedene Übungen - je nach Person, um in diese Erdmitte zu kommen oder in den Körper zu kommen, aber wirklich in den Körper zu kommen, nicht in ein Bild. Es gibt Menschen, die machen Sport, Hochleistungssport oder Hochleistungs-Yoga und spüren ihren Körper gar nicht. Deshalb ist im Zen die Form so streng, weil sie den Körper mitnimmt. Ich kann kiten, das ist irre aufregend mit Surfbrett und Fallschirm über das Wasser zu fliegen. Eine gute Möglichkeit, zu ertrinken, wenn man es falsch macht. Das ist Euphorie, das ist Geist, das ist sensationell, genauso wie beim Bungee jumping. Ihr spürt den Geist, ihr spürt die Euphorie, ihr spürt die Sensation, aber nicht den Körper. Der Körper - ihn zu spüren ist unspektakulär. Hinter diesem für das Ego Unspektakulären öffnet sich die Dimension der Schöpfung, der Erde selber. Dieses geerdet sein ist die Basis, wenn ihr jetzt euer Herz öffnet, wenn ihr jetzt die Liebe zulasst, wenn ihr jetzt diese Offenheit zulasst, dieses Befindliche, dieses Empfindsame, dieses Sensible, dieses Verbundene, dieses Tremendium, das euch so unsicher macht, wo ihr glaubt, ihr müsst euch verteidigen. Das ist verständlich.

Wenn ihr jetzt diese Weite zulasst, werdet ihr verbunden mit der Liebe. Nicht nur ihr, sondern alles, die Erde, nicht nur Geist. Die Liebe ist nicht nur Geist. Die Liebe ist Erde. Sie kommt von der Erde, sie ist die Erde, sie trägt die Erde, sie ist die Schöpfung. Sie lässt alles wachsen, alles gedeihen seit endloser Zeit. Wir sind sie. Wir sind diese Schöpfung, jedoch nicht so getrennt. Das geerdete Herz ist stark. Jetzt: stark. Es ist Herz da, es ist Wind da, Vögel singen, wir sitzen zusammen. Hier ist keiner, der was trennen muss, wo ist hier etwas getrennt? Das ist ein kraftvoller Weg. Dann hört dieses Tremendium, die Angst auf. Ich begegne der Liebe in der Meditation und habe Todesangst. Ja klar - diese kleine Mülltonne hat Angst davor, entleert zu werden. Was ist da für ein Müll drinnen: Eltern, Großvater, irgendein Krieg, noch anderer Müll, irgendjemand hat euch seine eigene Propaganda mitgegeben, widersprüchlich. Jeder erzählt euch, wie geil ihr seid oder wie scheiße ihr seid. Das habt ihr alles schön sortiert. Wenn da nichts mehr ist, wer bleibt dann über?

Der Mensch ist etwas Großes. Gestern habe ich gesagt, wir sind klein. Ja, wir sind klein. Ich und der Körper, das ist klein. Diese Weite und dass nichts ist, das sind Momente, die sich auf dem Weg der Übung mehr und mehr öffnen. Aber in einer Minute stolpere ich vielleicht auf dem Sand und sage: „Au!“ Ich bin ein Au-Ego oder ein Tee-trink-Ego oder ich habe kein-Bock-drauf-Ego. Ihr lernt mit der Zeit, dass das auch das gleiche ist wie dieses. Wenn ihr daran nicht festhalten müsst, dann kommt das Ärger-Ego und geht das Ärger-Ego. Hier ist ein Vogel und hier ist Wind und weht durch das Papier.

Mehr und mehr seid ihr frei.

Erde und Herz.

An dieser Stelle braucht ihr auch nicht mehr meditieren, deshalb gehen wir auf die Wiese. Wir gehen in die Natur, ein großer Meister und Lehrer.

So gehen wir jetzt in die Natur und harken Gras.

Versucht das doch einmal ohne euch.
Christlich gesehen:
Gott harkt, nicht ihr.
Geist harkt, nicht ich.
Herz und Weite, es harkt.
Es wirkt.
Es geht.
Es steht.
Es sieht.
Es ist.

Vorträge von Zen-Meister Hinnerk Polenski

(In grün: sichtbar für Mitglieder des Daishin Zen Förderkreis e.V.)

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Zur Übung - Von der rechten Haltung zur Stille

Körper - Geist - Schmiede

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